Die Bewusstseinsinsel
Stellen Sie sich vor:
Ich, fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, sportlich, gut gebaut – und in meiner Welt damals bestand das Universum aus genau einer Sache: Fußball. Alles andere war… sagen wir: Hintergrundrauschen.
Und dann passierte es.
Ich lag im Freibad. Nicht allein. Neben mir: ein Mädchen, ein Teenager, den ich heute rückblickend vermutlich als „unglaublich schön“ bezeichnen würde – damals aber recht nüchtern als „Mädchen wie jedes andere“ einordnete.
Schon der Beginn war seltsam. Sie hatte mich gebeten, sie zu begleiten. Ich dachte mir:
„Warum eigentlich? Warum nimmt sie keine Freundin mit? Oder geht einfach allein? Ich bin doch kein Pool-Butler.“
Aber gut – ich war da.
Dann das nächste Hindernis: Sie hatte ihr Liegetuch vergessen. Also lagen wir zu zweit auf meinem Handtuch – und mein Anteil bestand zu gefühlt 80 % aus Wiese und zu 20 % aus Stoff.
Ich hatte ihr bereits den Rücken eingecremt. Das war okay. Rücken eincremen gehört zu diesen höflichen Dienstleistungen, die man einfach macht. Sportkameradschaft, sozusagen.
Doch dann kam DIE Frage – in einem Tonfall, der irgendwo zwischen unschuldig, zärtlich und hochgradig hinterhältig lag:
„Sag mal… hättest du Lust, mir auch noch den Bauch einzucremen?“
Es war, als würde jemand den Sicherungskasten in meinem Kopf umlegen. Ich spürte, wie mein jugendliches Mindset – meine damalige kleine, überschaubare Bewusstseinsinsel – Alarm schlug. Alle Sirenen gleichzeitig.
Und ich explodierte. Nicht leise. Nicht dezent. Sondern mit der vollen Überzeugung eines pubertären Weltbildes:
„Ich begleite dich ins Freibad – ok. Ich teile meine Decke – ok. Ich creme dir den Rücken ein – ok. Aber den Bauch?! Ich bin doch nicht dein Johann! Das kannst du ja wohl selbst!“
Sie sah mich an – leicht verwirrt, leicht verletzt. Und ich? Ich fühlte mich… im Recht. Denn von meiner damaligen Bewusstseinsinsel aus war die Lage vollkommen klar:
„Rücken ist Service. Bauch ist Provokation.“
Tja. Sie hat mich nie wieder gefragt, ob ich sie ins Freibad begleite. Und rückblickend… kann ich es verstehen.
Denn heute – Jahrzehnte später – würde ich vermutlich nicht mehr ausrasten, wenn mich eine Achtzehnjährige freundlich bittet, ihr den Bauch einzucremen. Ich würde zumindest höflicher reagieren. Vielleicht sogar mit einer gewissen… pädagogischen Begeisterung.
Warum?
Weil sich meine Bewusstseinsinsel verändert hat: Sie ist größer geworden, runder, weicher, gelassener. Mit mehr Erfahrung, mehr Humor – und deutlich weniger Drama in der Sonnencreme-Abteilung.
Einige Monate später übrigens erlebte ich das nächste prägende Kapitel im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht – und daraus entstand ein Leitspruch, der bis heute gültig ist:
„Mache einer Dame niemals eine unsittliche Offerte – denn die Gefahr ist viel zu groß, dass solch ein "erotisches Angebot" dann auch angenommen wird.“
Aber das ist eine andere Geschichte. Vielleicht erzähle ich sie irgendwann.
Die Erkenntnis
Diese Episode zeigt auf humorvolle Weise:
- Menschen leben auf unterschiedlichen Bewusstseinsinseln.
Jede Insel hat eigene Regeln, Werte, Grenzen, Wahrheiten und Schutzmechanismen. - Treffen zwei Inseln aufeinander, entstehen Missverständnisse.
Manchmal Konflikte. Manchmal Komik. - Aber nun noch das Wichtigste: Bewusstseinsinseln verändern sich.
Bei jedem Menschen. Ein Leben lang. Es muss nur zugelassen werden.